SW Check Logo
Aufbau von Marktzugängen für die Flexibilitätsvermarktung
Adressierte Fähigkeiten
  • Flexibler Betrieb eigener Erzeugungsanlagen
Voraussetzungen

Abgeschlossenes Flexibilitätskataster mit dokumentierten Flexibilitätsparametern (Leistung, Rampen, Mindestlaufzeiten) der relevanten Anlagen; Grundlegende Prognosefähigkeit

Kurzbeschreibung

Ziel der Maßnahme ist es, die im eigenen Portfolio identifizierten Flexibilitätspotenziale – also steuerbare Erzeugungsanlagen, Speicher und ggf. steuerbare Lasten – tatsächlich in Erlöse umzuwandeln, indem geeignete Marktzugänge aufgebaut oder beauftragt werden. Voraussetzung ist, dass die verfügbaren Flexibilitäten bereits systematisch erfasst (z. B. in einem Flexibilitätskataster) und durch Prognosetools operativ nutzbar gemacht wurden. Hintergrund ist die zunehmende Ausdifferenzierung der Strommarktprodukte und -mechanismen: Neben dem klassischen Day-Ahead-Markt gewinnen der kontinuierliche Intradayhandel sowie die verschiedenen Regelenergieprodukte (FCR, aFRR, mFRR) an Bedeutung. Hinzu kommen Vergütungen aus Redispatch-Abrufen, bei denen Anlagen auf Anforderung des Netzbetreibers hoch- oder heruntergefahren werden. Für Stadtwerke mit flexiblen Erzeugungsanlagen eröffnen diese Vermarktungswege Zusatzerlöse, die bei konventioneller Grundlastfahrweise ungenutzt bleiben. Gleichzeitig steigt die regulatorische Anforderung, Erzeugungsanlagen fernsteuerbar zu betreiben und steuerbare Verbrauchseinrichtungen netzdienlich einzusetzen, was eine aktive Marktteilnahme langfristig begünstigt. Im Rahmen der Maßnahme werden zunächst die in Frage kommenden Vermarktungswege systematisch bewertet: Welche Märkte passen zu den technischen Flexibilitätsparametern des eigenen Portfolios (Leistung, Reaktionsgeschwindigkeit, Abrufdauer)? Welche Erlöspotenziale stehen dem jeweiligen Aufwand gegenüber? Ein zentraler Bestandteil ist die Entscheidung über das Vermarktungsmodell: Eigenvermarktung mit direkter Börsen- und Plattformanbindung bietet die höchsten Margen, erfordert jedoch Handelsinfrastruktur, Bilanzkreismanagement und personelle Kapazitäten im 24/7-Betrieb. Alternativ kann das Stadtwerk seine Flexibilität über einen Aggregator oder ein virtuelles Kraftwerk bündeln lassen oder mit einem Direktvermarkter zusammenarbeiten, der die Marktanbindung als Dienstleistung übernimmt. Viele Stadtwerke wählen zunächst ein Dienstleistungsmodell und bauen bei wachsender Erfahrung schrittweise eigene Kompetenzen auf. Als Orientierung für die Wirtschaftlichkeitsbetrachtung: Die erzielbaren Zusatzerlöse variieren stark nach Markt und Anlagentechnologie – entscheidend ist eine frühzeitige Gegenüberstellung von Erlöspotenzialen, Dienstleistergebühren, Personalaufwand und zusätzlichem Anlagenverschleiß. Sofern eine Teilnahme an Regelenergiemärkten angestrebt wird, umfasst die Maßnahme auch die Vorbereitung und Durchführung des Präqualifikationsprozesses bei den Übertragungsnetzbetreibern. Dieser beinhaltet den Nachweis technischer Mindestanforderungen (Aktivierungszeit, Leistungsbereitstellung, Kommunikationsanbindung), die Einrichtung der erforderlichen Leittechnik-Schnittstellen sowie formale Nachweisverfahren. Zu beachten ist, dass bei Regelenergieprodukten verbindliche Abrufverpflichtungen bestehen: Eine Nichterfüllung führt zu Pönalzahlungen und kann im Wiederholungsfall zum Verlust der Präqualifikation führen, weshalb Backup-Strategien und Mindestverfügbarkeit einzuplanen sind. Der zeitliche Vorlauf und die technischen Anforderungen der Präqualifikation erfordern eine enge Zusammenarbeit zwischen Erzeugungsbetrieb, IT und – sofern vorhanden – der Handelsabteilung. Darüber hinaus werden die notwendigen vertraglichen und organisatorischen Grundlagen geschaffen: Bilanzkreisverträge, Rahmenverträge mit Handelspartnern oder Aggregatoren, interne Prozesse für die Fahrplanmeldung sowie Eskalationswege bei Abrufverpflichtungen. Sofern das Stadtwerk auch Verteilnetzbetreiber ist, ist darauf zu achten, dass marktliche Flexibilitätserlöse organisatorisch und informatorisch von netzdienlichen Steuerungsaufgaben (Redispatch, §14a) getrennt bleiben (Unbundling-Konformität). Ergebnis der Maßnahme ist ein funktionsfähiger Marktzugang für mindestens einen relevanten Vermarktungsweg, sodass Flexibilitätserlöse erstmals systematisch realisiert werden können. Ergänzend wird ein regelmäßiges Erlöscontrolling etabliert, das erzielte Erträge den Kosten gegenüberstellt und die Vermarktungsstrategie bei Bedarf anpasst. Perspektivisch können die aufgebauten Marktzugänge, Prozesse und Kompetenzen auch als Grundlage dienen, um Flexibilitätsvermarktung als Dienstleistung für Dritte anzubieten – etwa für andere Stadtwerke ohne eigene Handelsanbindung, für Betreiber dezentraler Erzeugungsanlagen oder Industriekunden mit steuerbaren Lasten.

Aufwand
Personeller Aufwand
hoch
Zeitlicher Rahmen
mittel
Komplexität
hoch
Ressourcen

Personelle Ressourcen:

  • Projektleitung zur Koordination
  • Fachkräfte aus Energieerzeugung, Netzbetrieb, IT, Vertragsmanagement, Energiehandel und Recht

Materielle Ressourcen:

  • Anbindung an Handelsplattformen oder Aggregator-Systeme
  • Softwarelösung für Fahrplanmeldung und Bilanzkreismanagement
  • ggf. Börsenteilnahme (EEX/EPEX Spot)
  • Leittechnik-Schnittstellen zum ÜNB (bei Regelenergie)
  • IT-Sicherheitsinfrastruktur
  • Erlöscontrolling-Tool
Möglicher Ablauf
  1. Marktanalyse und Erlöspotenzialabschätzung
  2. Entscheidung über das Vermarktungsmodell
  3. ggf. Auswahl und Beauftragung externer Partner
  4. Herstellung der technischen Marktanbindung
  5. Präqualifikation (bei Regelenergie)
  6. Aufbau interner Prozesse und Regelwerke
  7. Pilotvermarktung und Monitoring
  8. Übergang in den Regelbetrieb und Skalierung
Risiken
  • Fehlende 24/7-Reaktionsfähigkeit bei Regelenergieabrufen führt zu Nichterfüllung und damit zu Pönalzahlungen
  • Durch unzureichende Abstimmung zwischen Vermarktungsverpflichtungen und operativen Einschränkungen (z. B. Wartungen, Wärmelieferpflichten) werden Abrufverpflichtungen eingegangen, die technisch nicht erfüllt werden können.
  • Volatile Marktpreise und sinkende Regelenergieerlöse (z. B. durch zunehmenden Wettbewerb im Markt) führen dazu, dass der Business Case deutlich hinter den ursprünglichen Erwartungen zurückbleibt.
  • Unzureichende IT-Sicherheitsmaßnahmen bei der Handelsanbindung führen zu Datenabfluss oder im Extremfall zu manipulierten Steuersignalen
Erfahrungen aus der Praxis